Donnerstag, November 23, 2006

 

Ich esse gern Schokolade!

Neulich, es ist gar nicht lange her, besuchte mich Atti, einer meiner engsten Vertrauten. Nach unserer rituellen Begrüßung schlurfte er durchs Zimmer und lies sich kraftlos in den Sessel meines Wohnzimmers fallen. Besorgt setzte ich mich neben ihm aufs Sofa und versuchte aus seiner traurig, nichtssagenden Miene etwas zu deuten. Minuten des Schweigens vergingen bis Atti leise die Stimme hob.
„Ich brauche... deinen Rat mein Freund“, sagte er und schaute mir mit einem Blick in die Augen, der tausend Fragen stellte.
„Sicher erinnerst du dich an Anna, oder nicht? Mein alter Freund, keinen Gedanken kann ich mehr fassen ohne das sie darin vor kommt“.
Atti wendete seinen Blick ab und versank in einer tiefen Trance. Seine Augen fixierten die Wand, als würde, an eben dieser Stelle, etwas aus der Tapete kommen. Ich traute mich nicht mein Wort zu erheben und suchte noch nach der richtigen Frage.
„Nun mein Freund, verstehe einer die Frauen...“, unterbrach Atti mein Grübeln,
„Sie verdrehen mir den Kopf aber ich weiß nicht ob die Gefühle, die ich bekomme, von ihnen erwidert werden“.
Wohl bekannt war mir dieses Problem. Ich selber hatte gerade das selbe Problem. Ihr Name tut hier nichts zu Sache aber ich kannte sie bereits einige Monate. Kennen gelernt hatte ich sie nachdem ich die Arbeit gewechselt hatte und nun einen Job als Archivar ausführte. Ein wahrhaft wunderschönes Mädchen mit blondem Haar. Es war als hätte mir diese Frau Brotkrümel gelegt auf dem Weg zu ihrem Herzen aber ich hatte es bis heute nicht geschafft sie einmal alleine auszuführen. Sie zog sich zurück wenn ich etwas unternehmen wollte, doch begrüßte mich mit offenen Armen wenn ich morgens zur Arbeit kam.
Einmal war ich mit ihr und drei Freunden, Atti, einer gemeinsamen Freundin und einer meiner Freunde, im Park unterwegs. Es war ein schönes Erlebnis. Unbeschreiblich.
Sie kam mir sehr nah. Es war unerwartet. Ihr Gesicht war nur eine Hand breit von meinem entfernt. Doch ich wusste nicht was ich machen sollte und erwiderte wohl nur einen überraschten Blick.
Ein kleiner Hinweis ihrer Freundin, nur die Bewegung von Lippen, in die ich „Sie liebt dich“ interpretierte, war an diesem Abend der Höhepunkt. Doch wusste ich weder ob ich die Lippen richtig gelesen hatte, noch wie ich reagieren sollte um bei einem Irrtum nicht falsch zu reagieren.
„Ich weiß was du meinst“, antwortete ich Atti und stand auf um vom Regal zwei Gläser und eine Flasche Jacky zu holen. Während ich eingoss blickte mein Freund gebannt auf die bräunliche Flüssigkeit, die die Gläser zunehmends füllte. Gefesselt schaute er ihr zu als wollte sie ihm irgendetwas sagen.
„Mein Freund... ich stecke in einer tiefen Misere, aus der ich mich nicht selber befreien kann“, setzte Atti unser Gespräch fort.
„Das selbe habe ich auch“, ging ich darauf ein während ich mich setzte, „Doch ich will dir etwas erzählen. Gestern konnte ich meine Mittagspause früher beginnen als sonst, den alle Arbeit war schon längst getan. Ich verließ das Gebäude nach hinten und zündete mir genüsslich eine Kippe an, wie ich es zu Mittag immer mache. Doch diesmal sollte mir der Genuss verwehrt sein“.
Ein Schauer lief mir über den Rücken als die Erinnerung in mir erwachte und langsam schleichen den Weg in meine Gedanken fand.
„Mein Schwarm verließ das Haus ebenso. Ihr erster Blick galt meinem Gesicht und ich bilde mir ein, ein Lächeln gesehen zu haben. Doch ihr zweiter wanderte nach unten in meine Hand und erblickte den Glimmstängel. Beinah sofort wurde aus dem wunderschönen Lächeln, dem ich seit Wochen hinterher renne, eine bittere Fratze. Eine Karikatur ihrer selbst. Entsetzen, Erstaunen und verschiedene andere Gefühle der Ungläubigkeit fanden Platz auf dem makellosen Gesicht. Die Welt für mich stand still. Mein Atem stockte, mein Herz versagte, das Blut gefror in meinen Adern. Die Hoffnung, in der ich seit Monaten lebte versank binnen eines Wimpernschlages. Meine ganze Welt brach in sich zusammen. Sie sagte nichts und lief an mir vorbei. Auch als sie zurück kam würdigte sie mir kaum eines Blickes. Da wusste ich eins. Diesen Blick wollte ich nie wieder sehen. Ich verschenkte die restlichen Zigaretten und schwor mir das Rauchen zu beenden!“
Atti sah mich seltsam von der Seite an, als wäre ich dabei zum Ketzer meiner eigenen Religion zu werden.
„Ich bin bereit für diese Frau Sterne vom Himmel zu holen...“
Das Gesicht meines Freundes wurde zu einer unverständlichen Fratze.
„Aber du kennst nicht mal ihre Absichten“, gab er zu bedenken.
Ich wusste das er recht hat.
„Nun... dazu will ich dir eine weitere kleine Geschichte erzählen.“
Ich trank genüsslich einen Schluck des bräunlichen Getränks und genoss wie es sich meine Kehle hinunter brannte.
„Nun... habe ich dich jemals, in der ewigen Zeit seit wir uns kennen, mit meinen Problemen belastet?“, fragte ich mit etwas Druck in meiner Stimme, Atti überlegte und schüttelte den Kopf.
„Nun, jedes Problem ist für mich eine Tafel Schokolade, die ich an meine Seele verfütter. Ich esse gern und viel Schokolade.“
Scheinbar verstand Atti was ich ihm sagen wollte, den er grinste frech und zog aus seinem Mantel, den er noch immer nicht abgelegt hatte, eine Tafel Vollmilch heraus. Geöffnet legte er sie auf den Tisch und machte eine einladende Geste.
„Nun... Schokolade isst mein nicht alleine, das mach fett. Schokolade isst man mit Freunden, den Fernen und den Engen. Meine Seele wird langsam zu fett. Ich will meine Schokolade nicht mehr alleine essen. Ich will sie endlich teilen.“
Plötzlich erschien in meinen Gedanken das Gesicht meines Schwarms und sofort erfüllte mich ein Gefühl von Ruhe und Stärke zugleich.
„Wenn ich dann endlich eine gefunden habe die mit mir teilt und mit der ich teilen kann, will das uns nichts im Wege steht. Und wer weiß. Vielleicht erfüllen sich meine Hoffnungen. Ich werde keine Zigarette mehr anfassen, in der Hoffnung das sich mein ständiger Traum erfüllt.“
Mittlerweile war es draußen dunkel und der gelbliche Schein einer Straßenlaterne schien in mein Wohnzimmer.
Tief in meinen Sessel gerutscht schien Atti wieder in seine Trance verfallen zu sein. Ich fragte mich was er wohl denken würde, konnte mir aber bei bestem Willen keine Vorstellungen machen.
„Vielleicht hast du Recht mein alter Freund“, sagte Atti schließlich, „ Auch wenn es vergeblich sein sollte. Ich werde den Brotkrümeln folgen und hoffentlich Schokolade finden. Ich esse nämlich gern Schokolade.“
„Ich auch mein Freund, ich auch.“
Meine Hand wanderte über den Tisch zu der Tafel Vollmilch und ich brach mir ein Stück ab, meinen Schwarm immer noch in den Gedanken, ganz nah bei mir.

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